Kaum fallen die Temperaturen, beginnt für viele Fahrräder die alljährliche Zwangspause. Sie verschwinden im Keller oder in der Garage und kommen erst wieder zum Vorschein, wenn im Frühjahr die ersten warmen Sonnenstrahlen locken. Dabei gibt es keinen Grund, das Rad für mehrere Monate komplett einzumotten. Auch im Winter lassen sich viele Alltagswege problemlos auf zwei Rädern erledigen. Ein wenig Vorbereitung gehört allerdings dazu. Denn Kälte allein ist meist gar nicht das größte Problem.
Kälte ist selten das eigentliche Problem
Ein sonniger Wintertag bei drei Grad kann auf dem Fahrrad erstaunlich angenehm sein. Zehn Grad, Dauerregen und kräftiger Gegenwind fühlen sich dagegen schnell nach einer persönlichen Auseinandersetzung mit dem Wetter an. Entscheidend ist deshalb weniger die Zahl auf dem Thermometer als die Kombination aus Temperatur, Wind und Feuchtigkeit.
Wer regelmäßig fährt, entwickelt schnell ein Gefühl dafür, welche Ausstattung bei welchem Wetter funktioniert. Besonders praktisch ist das Zwiebelprinzip. Mehrere dünnere Schichten lassen sich leichter an Temperatur und Belastung anpassen als eine einzige besonders dicke Jacke. Schließlich produziert der Körper beim Radfahren selbst reichlich Wärme. Wer bereits beim Verlassen des Hauses kuschelig warm eingepackt ist, kann nach wenigen Kilometern unangenehm ins Schwitzen geraten.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Hände und Füße. Sie sind dem Fahrtwind stark ausgesetzt und kühlen entsprechend schnell aus. Auch Ohren und Kopf sollten geschützt werden, wobei eine Mütze natürlich noch bequem unter den Fahrradhelm passen muss.
Wer häufiger mit der passenden Winterkleidung unterwegs ist, merkt schnell, dass niedrige Temperaturen ihren Schrecken verlieren. Schwieriger wird es bei Nässe. Eine wind- und wasserabweisende Außenschicht kann deshalb im Winter wichtiger sein als möglichst dicke Kleidung.
Sehen und gesehen werden
Der offensichtlichste Unterschied zwischen Sommer und Winter zeigt sich nicht beim Blick aufs Thermometer, sondern auf die Uhr. Im Dezember kann bereits der Weg nach Hause in völliger Dunkelheit stattfinden, obwohl man das Büro keineswegs besonders spät verlassen hat.
Eine funktionierende Beleuchtung ist deshalb unverzichtbar. Vor allem wer das Fahrrad im Sommer überwiegend bei Tageslicht nutzt, sollte spätestens im Herbst prüfen, ob Front- und Rücklicht zuverlässig funktionieren. Akkuleuchten müssen außerdem regelmäßig geladen werden. Ein fast leerer Akku fällt im Juli um 20 Uhr vielleicht kaum auf. Auf einem unbeleuchteten Radweg im Dezember sieht die Sache anders aus.
Hinzu kommt, dass Radfahrer bei Regen und Dunkelheit für Autofahrer schwerer zu erkennen sein können. Reflektierende Elemente an Kleidung, Taschen oder Fahrrad erhöhen die Sichtbarkeit zusätzlich. Dabei muss niemand wie ein rollendes Warnschild aussehen. Schon kleine reflektierende Flächen können helfen.
Auch die eigene Sicht verändert sich. Regentropfen auf der Brille, entgegenkommende Scheinwerfer oder eine nasse Fahrbahn erschweren es, Unebenheiten frühzeitig zu erkennen. Im Winter lohnt es sich daher besonders, nicht nur gesehen zu werden, sondern selbst möglichst weit vorauszuschauen.
Im Winter fährt man besser mit etwas mehr Gefühl
Trockenes, kaltes Wetter stellt erfahrene Radfahrer meist vor keine großen Herausforderungen. Anders sieht es aus, wenn Nässe, Laub oder Frost ins Spiel kommen.
Besonders tückisch können Stellen sein, die kaum Sonne abbekommen. Während die Straße längst trocken erscheint, kann sich auf Brücken, schattigen Abschnitten oder Nebenwegen noch Glätte halten. Geschwindigkeit und Fahrweise sollten entsprechend angepasst werden.
Abrupte Lenkbewegungen und starkes Bremsen sind auf rutschigem Untergrund keine besonders gute Kombination. Etwas mehr Abstand und ein vorausschauender Fahrstil schaffen zusätzliche Reserven. Das gilt nicht nur bei Schnee und Eis. Auch nasses Herbstlaub kann einen Radweg überraschend glatt machen.
Bei regelmäßigem Wintereinsatz lohnt zudem ein Blick auf die Reifen. Ein gutes Profil und der richtige Luftdruck helfen bei schwierigen Bedingungen. Wer in Regionen mit häufigem Schnee oder Eis unterwegs ist, kann sogar über spezielle Winterreifen nachdenken.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Fahrt bei jedem Wetter stattfinden muss. Wenn am Morgen gefrierender Regen Straßen und Wege in eine Eisbahn verwandelt, darf das Fahrrad ohne schlechtes Gewissen stehen bleiben. Winterradeln ist schließlich kein Wettbewerb um den nächsten Tapferkeitsorden.
Auch das Fahrrad braucht im Winter Aufmerksamkeit
Nicht nur der Fahrer bekommt die kalte Jahreszeit zu spüren. Für das Fahrrad sind vor allem Feuchtigkeit, Schmutz und Streusalz eine Belastung.
Wer regelmäßig fährt, sollte das Rad deshalb häufiger reinigen. Dabei muss nach jeder kurzen Runde keineswegs die große Fahrradwäsche stattfinden. Grober Schmutz und Salzreste sollten jedoch nicht wochenlang an Rahmen und Komponenten bleiben.
Besonders die Kette freut sich über Aufmerksamkeit. Wasser und Straßenschmutz setzen ihr zu, weshalb regelmäßiges Reinigen und Schmieren sinnvoll ist. Auch Bremsen verdienen im Winter einen prüfenden Blick. Nässe und Verschmutzungen können das Bremsverhalten verändern, und ohnehin sollte eine zuverlässige Bremsanlage zu jeder Jahreszeit selbstverständlich sein.
Bei E-Bikes kommt der Akku hinzu. Sehr niedrige Temperaturen können seine Leistungsfähigkeit beeinflussen. Wer das Rad draußen abstellt, kann einen herausnehmbaren Akku deshalb bei längeren Standzeiten mit ins Haus oder Büro nehmen und ihn entsprechend den Herstellerhinweisen lagern und laden.
Ein gut gepflegtes Fahrrad fährt nicht nur zuverlässiger durch den Winter. Es erspart seinem Besitzer im Frühjahr möglicherweise auch die unangenehme Überraschung, dass die letzten Monate deutliche Spuren hinterlassen haben.
Winterradeln muss keine Extremsportart sein
Natürlich wird das Fahrrad im Januar nicht immer dieselbe Rolle spielen wie im Juni. Niemand muss sich bei Schneesturm aufs Rad setzen, nur um sich anschließend als besonders wetterfest feiern zu können. Aber ebenso wenig muss das Fahrrad nach dem ersten kalten Morgen für vier Monate verschwinden.
Gerade trockene Wintertage eignen sich hervorragend zum Radfahren. Auf bekannten Alltagswegen ist häufig nur wenig Umstellung nötig: etwas andere Kleidung, funktionierende Beleuchtung, eine angepasste Fahrweise und gelegentlich ein bisschen mehr Pflege.
Und manchmal hat Radfahren im Winter sogar seinen eigenen Reiz. Die Wege sind leerer, die Luft ist klar und nach einigen Minuten Bewegung fühlt sich selbst ein kalter Morgen erstaunlich angenehm an.
Vielleicht braucht das Fahrrad deshalb gar keine klassische Winterpause. Es darf lediglich öfter einmal einen freien Tag bekommen – nämlich genau dann, wenn das Wetter tatsächlich dagegen spricht.